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Informationen zu dem 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie finden Sie mittlerweile auf der neuen Seite:

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VORWORT

Zu den Debatten über »Die Natur der Gesellschaft« (eine Formulierung schon Georg Simmels – vgl. Plenum 10), die auch ins Zentrum der aktuellen Kontroversen zwischen den Naturwissenschaften auf der einen und den Sozial- und Kulturwissenschaften auf der anderen Seite um die Bestimmung und Zukunft des Menschen führen, laden Sie der Vorstand der DGS ebenso wie die Lokalen Organisatoren herzlich ein.
Nachdem das von Heinz Bude und Johannes Weiß vorgeschlagene Kongressthema die Zustimmung des Vorstandes gefunden hatte, gab es von mancher Seite Bedenken, ob die Soziologie für die Herausforderung dieser Fragestellung gut gerüstet sei. Manchem schien es so, als wenn nur wenige, interdisziplinär arbeitende Spezialisten dazu etwas Substantielles würden beitragen können. Aber wir hätten uns für das Thema nicht entschieden, wenn das zu erwarten gewesen wäre, da die Soziologiekongresse – wenn auch mit einer jeweils veränderten (und möglichst aktuellen) Akzentsetzung – dem kommunikativen Austausch der gesamten Disziplin dienen sollen.
Inzwischen hat sich durch die Plenarvorschläge der Sektionen ebenso wie durch die Meldung der, thematisch ebenfalls an der Schlüsselfrage orientierten, Sektionssitzungen deutlich erwiesen, dass die anfänglichen Befürchtungen unbegründet waren. Vielmehr wurde die Hoffnung bestätigt, dass Wissensbestände
und Forschungsaktivitäten unseres Faches auf vielfältige Weise das Verhältnis von Natur und Gesellschaft reflektieren. Das im Folgenden publizierte
Themenpapier nimmt die Aktualität naturwissenschaftlicher, vor allem biologischer Innovationen der letzten Zeit (samt der biopolitischen Wende und der mit ihr verbundenen Probleme) auf, um dann an exemplarischen Themenfeldern
die soziologische Bearbeitung des Naturverhältnisses der Gesellschaft wie umgekehrt die Gesellschaftlichkeit des Naturverhältnisses zu skizzieren. Wie im Falle des in München vor zwei Jahren behandelten Ungleichheitsthemas, zeigt sich auch hier eine Deutungskonkurrenz mit anderen Wissenschaften, damals vor allem die Wirtschaftswissenschaften betreffend, bei diesem Kongress unterschiedlichste naturwissenschaftlich-medizinische Disziplinen. Von diesen ist viel zu lernen, wie es umgekehrt in einem informierten Dialog auch darum gehen muss, Grenzen ihrer Erklärungsmodelle zu thematisieren und die komplexen Beziehungen zwischen »Naturtatsachen« und gesellschaftlichen Faktoren ins Bewusstsein zu heben.
Da der DGS-Kongress in Kassel stattfinden wird, fällt aber nicht nur der Geltungskampf unterschiedlicher Wissenschaftsgebiete ein, sondern auch die innersoziologische Differenz miteinander (im besten Falle) wetteifernder Ansätze. Kassel ist zum zweiten Mal Ort eines Treffens unserer Profession: der 17. Deutsche Soziologentag im Jahre 1974 (sechs Jahre nach dem 16. Soziologentag in Frankfurt a.M., der auf der Höhe der Studentenbewegung und in einem ihrer Zentren stattgefunden hatte und als Schock in der sich doch noch als Honoratiorengesellschaft verstehenden DGS weiterwirkte) markierte einen Neufang. Damals war unter dem Vorsitz von M. Rainer Lepsius eine »Zwischenbilanz der Soziologie« versucht worden, in deren Mittelpunkt ein »Theorievergleich« stand, welcher systematisch von Karl Otto Hondrich vorbereitet und dann von Klaus Eder und Jürgen Habermas, Niklas Luhmann, Joachim Matthes, Karl-Dieter Opp und Karl Hermann Tjaden als Protagonisten unterschiedlicher und mit paradigmatischem Anspruch auftretender Positionen ausgetragen wurde.
In den von den Sektionen vorgeschlagenen und veranstalteten Plena wird nun auch die Vielfalt der soziologischen Arbeitsgebiete zum Tragen kommen, heute die Eröffnungs- und die Abschlußveranstaltung ebenso wie die Mittagsvorlesungen
und Abendveranstaltungen sollen einzelne kontroverse Problemzusammenhänge
pointiert aufgreifen. Oft gab es bei Soziologentagen darüber hinaus zentrale Veranstaltungen, welche sich durch die Besonderheit des Kongressortes inspirieren ließen. In Kassel, seit Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts das wichtigste deutsche Zentrum zur Präsentation zeitgenössischer
bildender Künste, bietet die im nächsten Jahr stattfindende 12. documenta einen Anknüpfungspunkt, der eine weitere Transzendierung disziplinärer Grenzen erlaubt: In einer Abendveranstaltung soll es um das Verhältnis der Künste zu unterschiedlichen ›Bildern vom Menschen‹ gehen. Aber auch weitere Sonderveranstaltungen sind Ihrer Aufmerksamkeit empfohlen – nicht nur die varianten Themen der Ad-hoc-gruppen oder die Begegnung zwischen Autoren und ihren Kritikern, sondern auch vier Foren (für Lehre, für Forschung, zur aktuellen Hochschulpolitik und zum Sonderthema eines Paradigmenwechsels in der Transformationsforschung) und nicht zuletzt die für die Förderung von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie für die Integration von Studierenden in die DGS wichtige Nachwuchsbörse.
Wie immer steckt in jedem großen Wissenschaftskongress eine Fülle von Vorarbeiten, wobei zuerst die Lokalen Veranstalter zu nennen wären, also Heinz Bude, Johannes Weiß, der Kongresskoordinator Jörg Froharth und Dana Giesecke aus der Dresdner Geschäftsstelle der DGS. Die inhaltliche Vorbereitung lag bei einer Programmkommission, der unter meinem Vorsitz Heinz Bude, Ronald Hitzler, Hans-Georg Soeffner, Johannes Weiß und Monika Wohlrab-Sahr angehörten. Allen, welche dazu beigetragen haben, dass die besten Voraussetzungen zum Gelingen des Kasseler Kongresses geschaffen wurden, gilt mein besonderer Dank, so auch den Sektionsvorständen für ihre Kooperation und produktive Mitarbeit, selbst wenn nicht alle Vorschläge und Anregungen realisiert werden konnten.
Zum zweiten Mal wird zu einem Soziologiekongress ein Gastland eingeladen. China mag im besonderen Maße erkenntnisfördernde Vergleichsperspektiven eröffnen, weil alle unser Kongressthema berührenden Probleme dort im Kontext anderer Traditionen und gesellschaftlicher Strukturen und zumeist auch in anderen Dimensionen, als sie etwa für die europäischen Gesellschaften gelten, ausgetragen werden. Wie in München, ist Monika Wohlrab-Sahr, als dem für die Auslandsbeziehungen zuständigen Vorstandsmitglied, für ihre Vermittlung chinesischer Gäste (auch für Sektionsveranstaltungen) sehr zu danken.
So scheint auch dieses Mal organisatorisch alles gut vorbereitet. Der Erfolg des Kongresses liegt jedoch bei Ihnen, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, deren Vorträge und Beteiligung an den Diskussionen dem hoch aktuellen Thema erst Kontur zu verleihen vermag. Zu hoffen ist auch für den 33. Kongress der DGS, dass er nicht nur die Lehrenden, Forschenden und Studierenden unserer Disziplin, sondern auch eine breitere Öffentlichkeit erreichen möge, da die gesellschaftliche Wirksamkeit des in unserem Fach präsenten Wissens das wichtigste Ziel unserer Zusammenkunft sein muss.

Dresden, im Februar 2006

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