GASTLAND CHINA
Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie hat beschlossen, den bereits in München 2004 gestarteten Versuch zu wiederholen, für den Kongress ein Gastland auszuwählen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dieses Landes bzw. dieser Region zum Kongress einzuladen. Die Präsenz mehrerer Kollegen aus einer Region der Welt soll dazu beitragen, über die singulären Eindrücke einzelner Vorträge hinaus einen vertieften Eindruck von der Soziologie (und den von ihr bearbeiteten gesellschaftlichen Problemen) dieser Region zu bekommen und entsprechende Gelegenheit zu kollegialem Austausch zu haben. Dies scheint besonders wichtig im Hinblick auf Länder, mit denen noch keine fest institutionalisierten Forschungsnetzwerke bestehen.
Wir haben für den Kongress in Kassel China als Gastland ausgewählt. Eingeladen sind Kollegen und Kolleginnen aus der Volksrepublik China und aus Taiwan.
Dies scheint uns – gerade im Hinblick auf das Kongressthema – in verschiedener Hinsicht viel versprechend. Die Volksrepublik China ist derzeit wohl dasjenige Land der Welt, in dem sich die rasantesten Änderungen vollziehen: mit weit reichenden Konsequenzen innerhalb und außerhalb des Landes. Dazu gehört ein geradezu explodierendes Wirtschaftswachstum mit gravierenden Folgen für die Sozialstruktur des Landes, die natürliche Umwelt und die Gestalt der Städte. Soziale Entwurzelung, Wanderarbeit mit gravierenden Folgen für Familienbeziehungen und Gesundheit sowie oft massive Zerstörungen überkommener Umwelten gehören dazu ebenso wie die Euphorie gigantischen Aufbaus und atemberaubenden Fortschritts. In manchem erinnert die Entwicklung an diejenigen westlicher Gesellschaften in der Phase der Modernisierung, und doch sehen diese Entwicklungen auf dem technischen Stand des 21. Jahrhunderts und unter den spezifischen Voraussetzungen der chinesischen Politik und Gesellschaft sehr anders aus.
Die Debatte zwischen chinesischen, deutschen und amerikanischen Stadtsoziologen in dem Plenum „Natur und Stadt“ verspricht interessante Einblicke in diese Entwicklungen und kann auf gewachsene internationale Kooperationen zurückgreifen. Die Mittagsvorlesungen zweier chinesischer Kollegen werden Folgen dieser Entwicklung im Bereich der Ökologie und der Gesundheit, insbesondere durch die Verbreitung von Aids, behandeln.
Das Thema der „Natur der Gesellschaft“ drängt sich im Hinblick auf die chinesische Entwicklung auch im Bereich der Demographie auf. Mit einer verordneten 1-Kind-Politik – die oft kulturelle Dynamiken zu Lasten der Geburt von Töchtern freisetzte – bekämpfte die Regierung der Volksrepublik erfolgreich das Bevölkerungswachstum, setzte damit aber gleichzeitig eine demographische Entwicklung in Gang, die China heute mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie sie die geburtenschwachen westlichen Gesellschaften schon länger haben. Das Plenum „Kulturen und Sozialtechnologien der Fertilität“, das deutsche und chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammenbringt, verspricht Einblicke sowohl in die Verschiedenheit als auch in die Ähnlichkeit demographischer Entwicklungen und ihrer kulturellen Grundlagen.
Die wirtschaftliche Entwicklung hat China in vielfältiger Weise international vernetzt, was allerdings immer wieder mit den politischen Verhältnissen in der Volksrepublik kollidiert. Ein Soziologiekongress wird sich zweifellos mit der ganzen Widersprüchlichkeit der chinesischen Entwicklung auseinandersetzen müssen. Aber es ist gerade diese Widersprüchlichkeit, die den wissenschaftlichen Austausch und das Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen unverzichtbar macht. Der Kongress bietet dazu hoffentlich mit seinen vielen Veranstaltungstypen zahlreiche Gelegenheiten.
Folgende Kollegen werden am Kongress mit Vorträgen vertreten sein:
Prof. Dr. Li Dun
Li Dun ist Soziologe und lehrt an der Tsinghua Universität in Beijing.
Prof. Dr. Huang Ping
Huang Ping ist Generaldirektor des Büros für Internationale Beziehungen der Chinese Academy of Social Sciences und Professor für Soziologie. Er unterrichtete an Universitäten in China und den USA. Sein Forschungsschwerpunkt ist Globalisierungsforschung im Zusammenhang mit Entwicklung, Armut und Migration. Huang Ping wird auf dem Kongress eine Mittagsvorlesung halten (10.10., Diagonale 5, Hörsaal III, 13.00 Uhr).
Prof. Dr. Jing Jun
Jing Jun ist Professor für Soziologie an der Tsinghua University und Direktor des HIV/AIDS Policy Research Center. Er forschte lange zu Staudammprojekten und damit verbundenen Umsiedelungen und befasst sich in letzter Zeit zunehmend mit Fragen der Gesundheitsentwicklung und -politik. Jing Jun wird auf dem Kongress eine Mittagsvorlesung halten (10.10., Diagonale 1, Hörsaal I, 13.00 Uhr).
Prof. Li Yongning
Li Yongning ist Direktor und Associate Professor am Institute of International Studies der Guangzhou Academy of Social Sciences, Guangzhou. Er arbeitet seit längerem mit den Stadtsoziologen der Universität Kassel im Rahmen einer Untersuchung zum Migrationsprozess im Pearl River Delta, einer ‚Megacity im Werden’, zusammen. Er referiert im Rahmen des Plenums „Natur und Stadt“ (12.10., Diagonale 3, Hörsaal II, 9.00 Uhr).
Prof. Dr. Qiyu Tu
Qiyu Tu ist Vizepräsident und Professor der Shanghai Academy of Social Sciences. Er war Fulbright Scholar-in-Residence am Bard College, USA und Visiting Scholar am Levy Economic Institute des Bard College. Beim Kongress tritt er im Plenum „Natur und Stadt“ auf (12.10., Diagonale 3, Hörsaal II, 9.00 Uhr).
Prof. Dr. Peng Xizhe
Peng Xizhe ist Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung an der Fudan Universität in Shanghai, wo er z. Zt. auch ein Zentrum zur Erforschung informeller Arbeit aufbaut. Eingeladen ist er für einen Vortrag in der Plenarveranstaltung: „Kulturen und Sozialtechnologien der Fertilität“ (12.10., Diagonale 1, Hörsaal I, 9.00 Uhr).
Prof. Dr. Tan Shen
Tan Shen ist an der Chinese Academy of Social Sciences in Beijing tätig. Sie ist Expertin zu Fragen der Land-Stadt-Migration von Arbeiterinnen in China und darüber hinaus zu Fragen der Geschlechterforschung und Arbeitssoziologie. Sie ist eingeladen für einen Vortrag im Rahmen des Plenums „Kulturen und Sozialtechnologien der Fertilität“ (12.10., Diagonale 1, Hörsaal I, 9.00 Uhr).
Prof. Zhou Changcheng
Zhou Changcheng ist Direktor des Centre for Quality of Life Research und Mitarbeiter des Centre for Social Security in Wuhan. Er ist Spezialist zu Fragen der Wirtschaftssoziologie. Eingeladen ist er für einen Vortrag in der Sektionsveranstaltung: „Demographic Change and Quality of Life“ (11.10., Nora-Platiel-Str. 6, Raum 0109/0110, 14.00 Uhr).
Dr. Jiang Feng
Jiang Feng ist Direktor für Zusammenarbeit mit europäischen Ländern des Bildungsministeriums der V.R. China. Er wird zur Eröffnung sprechen (9.10., Stadthalle Kassel, 17.30 Uhr).
Prof. Dr. Yih-teen Lee
Yih-teen Lee ist Assistant Professor für Organisationstheorie und Human Ressource Management an der ESEI Business School in Barcelona. Einer seiner weiteren Forschungsschwerpunkte ist interkulturelles Management. Gelehrt hat er u.a. an der Universität Lausanne und an der ESSEC Business School in Paris.
Eingeladen ist er für einen Vortrag im Rahmen der Ad-hoc Gruppe „Korruption als Bestandteil der gesellschaftlichen Natur”
Shi Ming
Shi Ming wurde in Beijing geboren und lebt seit vielen Jahren in Hamburg. Er arbeitet als freier Journalist für Presse, Rundfunk und Fernsehen. Beim Soziologiekongress veranstaltet er ein China-Forum.













