Naturalisierung von Kindheit – ausgewählte Kapitel aus Geschichte und Gegenwart

Organisation: Prof. Dr. Doris Bühler-Niederberger (Wuppertal)

Der Anspruch, sich mit Kindern, Kindheit, Aufwachsen und Erziehung wissenschaftlich zu befassen, argumentiert von allem Anfang an mit der Natur. Das ist konstitutiv für die rigorose Unterscheidung von Kindheit und Erwachsensein überhaupt. Unterstellt wird eine Natur des Kindes, aus der alles Weitere resultiert: „natürliche“ Gesetze des Aufwachsens und Erziehens und durch diese legitimierte Institutionen. Es ist die Kenntnis einer solchen behaupteten Natur, die den Experten von den Laien unterscheidet – mit aller Klarheit, denn die Natur erträgt weder Zuwiderhandlung noch Einspruch. Die Soziologie hat sich diesem Entwurf lange Zeit angelagert, mit dem Konzept der Sozialisation hat sie das „natürliche Kind“ als Chiffre für das (unsozialisierte) Individuum in grundlegende sozialtheoretische Annahmen eingeschrieben und begründet darauf gelegentlich noch bis heute das Primat der sozialen Ordnung vor dem individuellen Akteur. Dagegen hat sich die neue Soziologie der Kindheit diesen Annahmen und ihrer beanspruchten „natürlichen“ Basis kritisch zugewendet, und eben dies war konstitutiv für diese Richtung.

„Kindheit“ wie sie über einen naturalisierenden Diskurs expertenhaft legitimiert und zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit wurde, begründet soziale Ungleichheiten mit großer Autorität. Sie ist konstitutiv für die Asymmetrie der generationalen Ordnung und der Geschlechterordnung im privaten und öffentlichen Raum und sie verbindet sich auch mit der gesellschaftlichen Schichtung, denn es besteht kein Zweifel, dass die Experten und deren Institutionen ein besonderes Bündnis mit den mittleren gesellschaftlichen Schichten eingehen, die der „Natur des Kindes“ in besonderer Weise Rechnung tragen und darüber längerfristig und nicht ohne Erfolg Aufstiegsprojekte anstreben.

Die Referate werden relevante Stationen der Definition (resp. permanenten Neudefinition) von Kindheit, von kindlichen Fähigkeiten, Ansprüchen und Bedürfnissen und von Institutionen des Aufwachsens und der Erziehung heraus arbeiten, in denen auf eine Natur des Kindes Bezug genommen wird resp. eine solche konturiert und propagiert wird.

Vorträge

Naturalisierung und Verortung als Dispositive moderner Kindheit
Heidi Jörges / Lars Alberth
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„Natürliche Entwicklung“ als kulturelles und gesundheitspolitisches Projekt. Ärztliche Vorsorgeuntersuchungen in der Kindheit
Helga Kelle / Anja Tervoren
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Androgyne Elemente in Kindheiten und Kinderkulturen - Eine Spurensuche in historischer Perspektive
Heinz Hengst

Ist Erziehung sinnlos – zur Wiederentdeckung der biologischen Herstellung von Kindheit
Werner Thole
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Datum/Zeit: 12.10.06, 14:15 Uhr
Ort/Raum: Diagonale 3 / Hörsaal II


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