ABENDVERANSTALTUNGEN


Abendveranstaltung 1: „Blosses Leben“ als postsozialer Zustand? Künstlerische Positionen und gesellschaftstheoretische Fragen

Organisation: Karl-Siegbert Rehberg
Diskutanten: Roger M. Buergel (Kassel), Dirk Baecker (Witten-Herdecke), Heinz Bude (Kassel/Hamburg) und Karl-Siegbert Rehberg (Dresden)

Die 12. documenta, die im nächsten Jahr in Kassel stattfinden wird, ist von ihrem künstlerischen Leiter, Roger M. Buergel, auch unter die Leitfrage »Was ist das bloße Leben? « gestellt worden. Das berührt sich auf’s Engste mit dem Thema des 33. Kongresses der DGS, insofern es hier wie dort um Positionen des Menschen in der Moderne im Verhältnis von »Natur« und »Gesellschaft« geht. »Bloßes Leben« meint auf der einen Seite die Extremzustände absoluter Verletzlichkeit und Ausgesetztheit des menschlichen Lebens (wie auch die Möglichkeiten eines »neuen Primitivismus« oder der »Barbarei«). Andererseits kann auch eine ekstatische Selbststeigerung »des Lebens« gemeint sein. Auf den ersten Blick könnte beides als Gegensatz zu jeder gesellschaftlichen Vermittlung verstanden werden. Die zerstörerische oder die kreative Entfesselung purer Lebendigkeit wäre dann als (wiedererscheinende) »Natur« gedeutet, so dass – wie in der Lebensphilosophie – eine (tragische) Entgegensetzung von »Leben« und gesellschaftlicher Formierung konstruiert würde. Denkt man hingegen an die Bedrohung des Menschen, etwa durch Folter – von den apokalyptischen Visionen seines Unterganges ganz zu schweigen –, so ist die gesellschaftliche Basis dieser Infragestellung des Lebens doch unübersehbar. Demgegenüber ist es – wie im Selbstbild vieler Künstler – naheliegender, die entfesselte Kraft des Lebens tatsächlich als »a-sozial« zu aufzufassen, als produktive Überwältigung durch die Lebensantriebe – es sind dies auch nietzscheanische Gedankenexperimente. In der Abendveranstaltung werden solche Motivzusammenhänge diskutiert, auch mit Blick auf die künstlerisch und gesellschaftstheoretisch für lange Zeit dominante Idee einer »posthumanen«, sogar »postsozialen« Welt. Demgegenüber hatte die 11. documenta eine Reihe von Gegenmotiven aufzuweisen, wie dies auch für die jetzt geplante Kasseler Ausstellung der Fall sein dürfte.

Datum/Zeit: 10.10.06, 20:00 Uhr
Ort/Raum: Diagonale 1 / Hörsaal I


Abendveranstaltung 2: Wendebedarf? Die Soziologische Theorieentwicklung zwischen „natural“ und „cultural turn“

Organisation: Prof. Dr. Uwe Schimank (Hagen), Prof. Dr. Johannes Weiß (Kassel)
Diskutanten: Karl-Otto Hondrich, Thomas Kron, Andreas Reckwitz, Michael Schmid

In den vergangenen Jahrzehnten hat die soziologische Theorie eine Reihe von Paradigmenwechsel teils selbst initiiert und vollzogen, teils eher erlitten, so insbesondere einen soziologistischen resp. kritizistischen, einen linguistischen, einen kulturalistischen und einen ökonomistischen »turn«. Es könnte scheinen, als ob ihr eine neue Wende bevorstünde. Jedenfalls hat sie es gegenwärtig mit einer naturalistischen Herausforderung neuen Typs zu tun. Das betrifft die Voraussetzungen und das Erklärungspotential soziologischer Theorie ganz fundamental, und doch ist diese Herausforderung bisher nicht in angemessener und systematischer Weise aufgenommen und beantwortet worden. Das zeigt sich auch daran, dass die Soziologie in die einschlägigen öffentlichen Debatten über den neuen Naturalismus und seine gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Implikationen bestenfalls am Rande, jedenfalls weniger als z.B. die Philosophie oder die Theologie, einbezogen ist. Die Veranstaltung soll klarstellen, dass sich dies weder aus der Sache oder der Durchschlagskraft naturalistischer Argumentationen noch aus einem Mangel an theoretischer Kompetenz der Soziologie erklärt. In gewissem Sinne würde damit auch ein Bogen zu dem Kasseler Soziologentag von 1974 geschlagen, der mit seinem »Theorievergleich« die Entwicklung soziologischer Theorien in der Folgezeit stark beeinflusst hat, und zwar auch mittels der daraufhin gegründeten Theorie-Sektion.

Datum/Zeit: 10.10.06, 20:00 Uhr
Ort/Raum: Diagonale 5 / Hörsaal III


Abendveranstaltung 3: Gewalt und Freiheit

Organisation: Prof. Dr. Heinz Bude (Kassel)
Diskutanten: Hans J. Markowitsch, Petra Gehring

Die von der Gehirnforschung aufgeworfene Frage nach der Natur der menschlichen Freiheit berührt unter einer bestimmten Hinsicht das Grundverständnis unserer gesellschaftlichen Institutionen: Worin besteht die Freiheit von Gewalttätern und was folgt daraus für die Erfassung und Verfolgung dieser Personen? Im naturalistischen Paradigma der Gehirnforschung werden prädiktive Test für eine bestimmte Kategorie von Personen entwickelt, bei denen der Mechanismus der Gewissensbildung und des Schuldgefühls gering oder gar nicht ausgebildet ist. Diese Struktur findet man bei einer bestimmten Kategorie von Gewalttätern, die sich auch gegenüber Resozialisierungsbemühungen immun zeigen.
Was darf man und was muss man unter Umständen tun, wenn man über eine solche Möglichkeit der Vorhersagbarkeit von Gewaltverbrechen verfügt? Oder widerspricht diese ganz Denkweise unserem Grundverständnis selbstverantwortlicher Personen, weshalb unter keinen Umständen auf prädiktive Tests dieser Art zurückgegriffen werden darf? Hinter dieser nicht nur gedankenexperimentellen Perspektive verbirgt sich die Frage nach dem Menschenbild unseres Freiheitsverständnisses: Gehört die Disposition zur Gewalt zur Freiheit des Menschen oder hat sie genau darin ihre Grenzen?

Datum/Zeit: 12.10.06, 20:00 Uhr
Ort/Raum: Diagonale 1 / Hörsaal I


Abendveranstaltung 4: „Natur“- Katastrophen und Stadt

Organisation: Helmuth Berking, Lars Clausen
Diskutanten: Helmuth Berking, Lars Clausen, Manfred Prisching (Eröffnungsvortrag: Good bye New Orleans), Wolf Dombrowsky, Gerhard Berz

Diese Abendveranstaltung fragt nach den sozialen Kollisionen von Natur und Stadt im Ernstfall der Katastrophe. Städte sind in der Regel bei „natürlichen“ Katastrophen keine privilegierten Orte. Dass sie von Cholera und Hunger entvölkert werden, abbrennen, oder in den Fluten versinken, gehört zur Gefährdung dieser komplexen Vergesellschaftungsform. Die Lokalgeschichte erwähnt dies als Einschub, einige Professionen lernen daraus, die Politik gemeinhin nicht. Auch als Wissensobjekt der Soziologie situiert sich die „Stadt“ jenseits des Naturverhältnisses – also allzu bedenkenlos als ein Schutz- und Zivilisationsraum, der auf Naturbeherrschung durch Kulturtechnik setzt und das Andere der Natur nur mehr als gewaltsamen Einbruch erfährt. Der Einbruch der Natur als Katastrophe bleibt Episode, gewalttätiges Ereignis, ebenso unvorhersehbar wie unkontrollierbar. Die Sturmflut von New Orleans wäre so nur ein weiteres Moment in einer langen Reihe von „Naturkatastrophen“? Jedoch: Alle Natur-Katastrophen sind Kulturkatastrophen. Denn: Welche Rolle spielt die „Natur“ in Katastrophen, wenn das Wissen über Gefährdungslagen längst vor deren Eintritt verfügbar ist. Geht es jetzt nicht um Prophylaxe, um Linderung durch Warnung und Handeln im Verbund, um Krisenmanagement und gesamtgesellschaftliches Lernen? Was offenbaren Katastrophen über die „Natur der Stadt“, über die missachteten Gefahren ihrer geologischen und geographischen Lage, über ihre materiale Kultur, aber auch über die erschreckende Interdependenzen, die sich gleichsam auf natürliche Weise und immer wieder zwischen ihrer sozialräumlichen und sozialstrukturellen Ordnung auf der einen und den ’Schadensfällen’ auf der anderen Seite einstellen?

Datum/Zeit: 12.10.06, 20:00 Uhr
Ort/Raum: Diagonale 5 / Hörsaal III



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